Internationale Hotellerie · Führung · Kulinarische Kultur
CRISTIAN MARINO JOURNAL
DEUTSCHE AUSGABE · SEIT 2018
HOTELLERIE · THE WIDER VIEW
Vom grünen Siegel zum Nachweis: Nachhaltigkeit in Hotels tritt in die Ära der Verifizierung ein
Warum Nachhaltigkeit zunehmend zu einem operativen Nachweis wird – und nicht nur zu einem Satz im Marketing.
Englische Originalausgabe: 9. September 2026 · Deutsche Ausgabe: 9. September 2026

Ein Hotel kann seine Umweltleistung tatsächlich verbessern und trotzdem schlecht darüber kommunizieren.
Dieser Unterschied wird immer wichtiger.
Seit Jahren stützt sich die Nachhaltigkeitskommunikation in der Hotellerie stark auf sichtbare Signale: ein grünes Siegel auf der Buchungsseite, ein Hinweis zur Plastikreduktion, eine Karte zur Wiederverwendung von Handtüchern, eine Nachhaltigkeitsseite über lokale Beschaffung oder ein Zertifizierungslogo im Footer.
Einige dieser Programme sind ernsthaft. Manche werden unabhängig geprüft. Andere stehen für relevante Arbeit, die unauffällig hinter den Kulissen stattfindet.
Für den Gast können sie jedoch fast gleich aussehen.
Das gewinnt an Bedeutung, weil sich das regulatorische und branchenbezogene Umfeld für Umweltaussagen verändert.
Am 27. September 2026 beginnen neue Verbraucherschutzmaßnahmen der Europäischen Union auf Grundlage der Richtlinie (EU) 2024/825 zu gelten. Die Regeln beschränken allgemeine Umweltaussagen, die nach den Kriterien der Richtlinie nicht belegt werden können, und untersagen bestimmte Nachhaltigkeitssiegel, sofern sie nicht auf einem qualifizierten Zertifizierungssystem beruhen oder von öffentlichen Stellen eingeführt wurden. Die Mitgliedstaaten mussten die Richtlinie bis zum 27. März 2026 umsetzen.
Das ist europäisches Recht, keine globale Hospitality-Regelung.
Die Richtung dahinter ist jedoch wesentlich breiter.
Hotels bewegen sich von der Aussage „wir sind nachhaltig“ hin zu der Frage, was genau gemessen, geprüft und verbessert wurde.
Das Adjektiv wird zum schwierigen Teil
Umweltbezogene Begriffe gelangen leicht ins Hotelmarketing.
Nachhaltiges Hotel. Umweltfreundliches Resort. Grünes Meeting. Verantwortungsvolle Gastronomie. Aufenthalt mit geringer Umweltwirkung.
Solche Ausdrücke wirken einfach, weil sie komplexe Betriebssysteme in wenigen Worten zusammenfassen.
Ein Resort kann Wasser entsalzen, eine Abwasseranlage betreiben, einen großen Teil der Lebensmittel importieren, Strom vor Ort erzeugen, ein Riffprogramm verwalten und Hunderte Menschen aus verschiedenen Ländern beschäftigen.
Ein Stadthotel kann erneuerbaren Strom beziehen, Wäschezyklen reduzieren, bestimmte Einwegprodukte abschaffen und Lebensmittelabfälle extern verwerten lassen.
Beide können berechtigterweise sagen, dass sie Fortschritte machen.
Doch beide Beschreibungen müssen dieselbe Frage beantworten: Was genau wird behauptet?
Diese Frage wird relevant, sobald eine interne Absicht zu einer Aussage gegenüber Gästen oder Verbrauchern wird.
Die EU-Regeln bedeuten nicht, dass Hotels nicht mehr über Umweltverbesserungen sprechen dürfen. Sie bedeuten, dass breite Aussagen mehr Disziplin verlangen.
Die operative Lehre reicht weiter als die juristische.
Die sicherste Nachhaltigkeitsaussage ist zunehmend diejenige, die erklärt werden kann.
Nicht: Wir reduzieren Wasser.
Sondern: Welches Wasser? Wo gemessen? Im Vergleich zu welchem Zeitraum? Pro belegtem Zimmer, pro Gastnacht oder für das ganze Haus? Hat sich die Belegung verändert? Ist Bewässerung enthalten? War die Reduktion dauerhaft oder vorübergehend?
Die Fragen sind weniger elegant als ein Slogan. Sie sind aber wesentlich nützlicher.
Ein Teil der Hotelbranche bewegt sich bereits in dieselbe Richtung
Der Wandel wird nicht nur von Regulierungsbehörden vorangetrieben.
Im Juni 2026 kündigte der World Travel & Tourism Council an, dass sein Programm Hotel Sustainability Basics in ein unabhängiges Zertifizierungssystem durch Dritte überführt werden soll.
WTTC zufolge wurde das Programm von mehr als 8.000 Hotels in 85 Ländern übernommen. Der Rahmen umfasst unter anderem Energie, Wasser, Abfall, Emissionen, Gemeinschaften und Natur. WTTC stellte den Schritt zur unabhängigen Zertifizierung auch in Zusammenhang mit sich verändernden europäischen Anforderungen an Umweltaussagen.
Das ist interessant, weil Hotel Sustainability Basics teilweise mit Blick auf Zugänglichkeit entwickelt wurde.
Zur Hotellerie gehören globale Ketten mit spezialisierten ESG-Teams, aber auch Tausende unabhängige Häuser, Familienbetriebe, kleine Resorts und regionale Betreiber.
Die Schwierigkeit ist offensichtlich: Wird Nachhaltigkeit technisch perfekt, aber administrativ kaum umsetzbar, geraten kleinere Hotels ins Hintertreffen. Werden Standards zu locker, verliert das Siegel seine Bedeutung.
Die Branche muss deshalb zwei Probleme gleichzeitig lösen: Verbesserung erreichbar machen und Nachweise glaubwürdig machen. Das ist nicht dasselbe.
Auch Zertifizierung muss verstanden werden
Es gibt eine weitere Quelle der Verwirrung.
Ein Standard, eine Zertifizierung und eine Akkreditierung sind nicht zwingend dasselbe.
Der Global Sustainable Tourism Council beispielsweise legt Nachhaltigkeitsstandards fest und akkreditiert Zertifizierungsstellen. GSTC erklärt, dass Unternehmen, die als nach GSTC-Standards zertifiziert gelten, von einer durch GSTC akkreditierten Zertifizierungsstelle bewertet wurden; die Akkreditierung betrifft die Kompetenz und Unparteilichkeit des Zertifizierers.
Das klingt administrativ, ist für Hotelbetreiber aber relevant.
Ein Logo kann vieles bedeuten: Mitgliedschaft in einer Initiative, Anerkennung eines Standards, eine Selbsteinschätzung, eine Dokumentenprüfung aus der Ferne oder ein Audit durch eine unabhängige akkreditierte Stelle.
Diese Dinge sollten Gästen nicht automatisch als gleichwertig präsentiert werden.
Hospitality hat komplexe Erfahrungen über Jahre vereinfacht. Hier könnte Vereinfachung zu weit gegangen sein.
Nachhaltigkeit wird zu einem Datenproblem
Die interessantere Veränderung findet im Hotel selbst statt.
Sobald Umweltaussagen Belege benötigen, gehört Nachhaltigkeit nicht mehr nur zum Nachhaltigkeitsteam.
Engineering kennt Strom- und Wasserzähler. Finance hat Rechnungen. Purchasing kennt die Herkunft der Produkte. Housekeeping versteht Chemikalienverbrauch, Wäschezyklen und Amenities. Food & Beverage sieht Abfälle, Beschaffung und Produktionsmuster. Human Resources verwaltet Personaldaten. Sales entscheidet, was in RFPs erscheint. Marketing entscheidet, was auf der Website steht. Operations verbindet alles.
Eine Aussage des Marketings kann damit von Informationen abhängen, die mehrere Abteilungen entfernt entstehen.
Dadurch ändert sich die Managementfrage.
Nicht mehr nur: Haben wir ein Nachhaltigkeitsprogramm?
Sondern: Kann das Hotel jede öffentliche Aussage bis zu dem betrieblichen Prozess zurückverfolgen, der sie stützt?
Das ist die bessere Frage. Und sie zeigt Schwächen schnell auf.
Ein Hotel kann hervorragende Umweltinitiativen, aber inkonsistente Messung haben. Ein anderes sammelt große Datenmengen, verändert betrieblich aber wenig. Ein drittes ist zertifiziert, kommuniziert den Umfang jedoch schlecht. Ein viertes verbessert sich schnell, ohne öffentliche Anerkennung anzustreben.
Das Siegel allein erzählt diese Geschichten nicht. Der Nachweis dahinter kann es.
Messung kann ihre eigene Illusion erzeugen
Auf der anderen Seite gibt es ebenfalls ein Risiko.
Wenn Verifizierung wichtig wird, können Hotels anfangen, alles zu messen, nur weil Messung sich wie Fortschritt anfühlt.
Das ist sie nicht.
Eine Tabelle spart keinen Strom. Ein Dashboard reduziert keine Lebensmittelabfälle. Ein Zertifikat trifft keine Einkaufsentscheidung.
Auch Nachhaltigkeitsstandards erkennen diesen Unterschied an. GSTC beschreibt seinen Hotel Standard als Rahmen dafür, was behandelt werden soll; Indikatoren und Umsetzungshilfen helfen dabei zu beurteilen, ob die geforderten Praktiken tatsächlich angewendet werden.
Für Betreiber ist diese Trennung hilfreich.
Messung sollte eine operative Frage beantworten: Warum ist der Wasserverbrauch der Wäscherei gestiegen? Warum gibt es an bestimmten Buffetabenden mehr Food Waste? Warum verbraucht ein Gebäude pro belegtem Zimmer mehr Strom als ein anderes? Welche importierten Produkte haben realistische lokale Alternativen? Welche Initiative spart Ressourcen, verlagert aber zusätzliche Arbeit in eine andere Abteilung?
Gute Daten sollten Management neugieriger machen. Schlechte Daten machen nur Berichte länger.
Der Gast braucht nicht die ganze Tabelle
Das bedeutet nicht, dass Hotelwebsites zu Umweltprüfberichten werden sollten.
Gäste möchten vor einem Wochenendaufenthalt keine Versorgungsrechnungen prüfen.
Kommunikation muss weiterhin einfach sein. Einfachheit und Unschärfe sind aber nicht dasselbe.
Ein Hotel kann sagen: „Einweg-Plastikwasserflaschen wurden aus den Gästezimmern entfernt.“
Das ist verständlich.
Es kann auch sagen: „30 Prozent des im Jahr 2025 verbrauchten Stroms stammten aus Solarerzeugung vor Ort“, sofern die Zahl korrekt gemessen und klar abgegrenzt ist.
Es kann erklären, dass eine anerkannte unabhängige Stelle einen bestimmten Teil des Betriebs zertifiziert hat. Und es kann beschreiben, was noch nicht abgeschlossen ist.
Gerade dieser letzte Punkt könnte zunehmend wertvoll werden.
Hospitality bevorzugt traditionell fertige Geschichten: Das Hotel öffnet nach Abschluss der Renovierung, das Restaurant startet, wenn die Karte steht, und die Zertifizierung wird verkündet, wenn das Siegel da ist.
Nachhaltigkeit funktioniert nicht so.
Energiesysteme ändern sich. Lieferanten ändern sich. Wasserbedingungen ändern sich. Technologie verbessert sich. Ziele werden verfehlt. Bessere Lösungen entstehen.
Eine glaubwürdige Nachhaltigkeitsseite kann deshalb weniger beeindruckend aussehen als früher. Vielleicht enthält sie weniger Adjektive und mehr Daten.
Das wäre vermutlich Fortschritt.
Globale Gruppen stehen vor einer praktischen Entscheidung
Die neuen EU-Regeln gelten innerhalb eines bestimmten Rechtsrahmens. Hotels sollten daher angemessenen rechtlichen Rat dazu einholen, wie die nationale Umsetzung ihre Kommunikation mit Verbrauchern betrifft.
Internationale Hotelgruppen haben jedoch zusätzlich ein praktisches Problem.
Sollen sie eine Nachhaltigkeitssprache für Europa und eine andere für Asien, den Nahen Osten, Afrika und Amerika verwenden?
Technisch wäre das möglich. Operativ wird es schwierig.
Globale Marken verwenden Websites, Buchungsplattformen, Loyalty-Systeme, Vertriebsmaterialien, Hotelbeschreibungen und Umweltleitlinien über mehrere Märkte hinweg.
Es ist daher plausibel, dass strengere Nachweisanforderungen in wichtigen Märkten auch die Kommunikation anderswo beeinflussen, selbst wenn dort nicht dasselbe Recht gilt.
Nicht weil jede Rechtsordnung dieselbe Regulierung übernehmen wird, sondern weil mehrere Glaubwürdigkeitsstandards gleichzeitig ineffizient sind.
Hospitality kennt ähnliche Entwicklungen bereits. Anforderungen an Lebensmittelsicherheit, Datenschutz, Barrierefreiheit oder Finanzkontrollen werden in Organisationen oft insgesamt stärker, wenn ein Markt den Standard anhebt.
Nachhaltigkeitskommunikation könnte einen ähnlichen Weg nehmen.
Was Hotels jetzt prüfen sollten
Eine sinnvolle Übung muss nicht mit Zertifizierung beginnen.
Beginnen Sie mit den Aussagen, die Gäste bereits sehen: Website, Buchungsmaschine, Meeting-Broschüren, Antworten auf Corporate RFPs, Karten im Zimmer, Menübeschreibungen und Nachhaltigkeitslogos.
Nehmen Sie dann jede Umweltaussage und stellen Sie fünf Fragen:
- Was behaupten wir genau?
- Welchen Teil des Hotels umfasst die Aussage?
- Wer ist für die zugrunde liegenden Informationen verantwortlich?
- Wie aktuell sind die Belege?
- Könnte eine unabhängige Person nachvollziehen, wie wir zu diesem Ergebnis gekommen sind?
Diese Prüfung kann etwas Wertvolleres zeigen als eine neue Nachhaltigkeitskampagne.
Sie kann sichtbar machen, wo Marketing und Operations zwei unterschiedliche Hotels beschreiben.
Nachweis sollte Ambition nicht ersetzen
Es bleibt ein letztes Risiko.
Strengere Verifizierung könnte einige Unternehmen dazu bringen, weniger zu kommunizieren. Das wäre bedauerlich.
Hospitality braucht weiterhin Experimente. Ein Chef sollte ein Frühstückssystem mit weniger Abfall testen dürfen. Engineering sollte neue Steuerungen erproben können. Housekeeping sollte Amenity-Formate verändern können. Eigentümer sollten investieren können, bevor jedes Ergebnis bekannt ist.
Das Ziel sollte nicht sein, Ambition durch Papierarbeit zu ersetzen.
Es sollte darum gehen, drei Dinge klar zu trennen: was das Hotel tun will, was es aktuell tut und was es bereits nachweislich erreicht hat.
Diese Trennung schafft Vertrauen, weil sie Fortschritt erlaubt, ohne so zu tun, als sei er abgeschlossen.
Lange Zeit war das grüne Siegel das sichtbare Symbol für Nachhaltigkeit im Hotel.
Die nächste Phase könnte weit weniger sichtbar sein.
Ein Zählerstand. Ein Einkaufsnachweis. Ein Audit. Ein Abfallprotokoll. Ein verifizierter Prozentsatz. Ein Datum. Eine Person, die für die Zahl verantwortlich ist.
Keines dieser Dinge ist besonders fotogen.
Aber genau daraus könnte eine glaubwürdigere Nachhaltigkeitsgeschichte entstehen.
Die nächste Nachhaltigkeitsherausforderung für Hospitality könnte weniger darin liegen, bessere Wörter zu finden, sondern sicherzustellen, dass diese Wörter etwas beschreiben, das der Betrieb belegen kann.
Dieser Artikel stützt sich auf öffentlich zugängliche Branchenforschung und die unten genannten Quellen. Interpretation und redaktionelle Analyse stammen vom Cristian Marino Journal.
Quellen
- Europäische Union — Richtlinie (EU) 2024/825, Empowering Consumers for the Green Transition.
- Europäische Kommission — New EU rules to empower consumers for the green transition.
- World Travel & Tourism Council — Hotel Sustainability Basics transition to independent certification, 25. Juni 2026.
- Global Sustainable Tourism Council — Certification framework und GSTC Hotel Standard.
Übersetzungshinweis: Dieser Artikel wurde mit Unterstützung künstlicher Intelligenz aus der englischen Originalausgabe übersetzt. Kleinere sprachliche Ungenauigkeiten können bestehen bleiben. Bei Abweichungen gilt die englische Ausgabe als redaktionelle Referenz. Englisches Original ansehen. Siehe auch die Übersetzungs- und Sprachrichtlinie.
